Mittwoch, 12. September 2007
Von Brücken, Schlapphüten, Austausch und dem Friedhof der "Elektroniktiere"
In den „guten alten Zeiten“ des kalten Krieges gab es einen Platz an dem die Supermächte ihre Spione und politischen Widersacher austauschten. Auf der „Brücke der Einheit“ zwischen Berlin (West) und Potsdam, besser bekannt als Glienicker Brücke, wurde dieses makabere Spiel drei mal vollzogen. „Gibst Du mir meinen Spion, gebe ich Dir Deinen Spion.“ Auf diesem Weg kam der U2-Pilot Francis Gary Powers, den - nach russischen Angaben - eine sowjetische Rakete am ersten Mai 1960 aus dem Himmel über der UdSSR-Stadt Swerdlowsk holte, am 10. Februar 1962 ebenso wieder auf den Weg in seine Heimat wie sich die damalige UdSSR am elften Februar 1986 seines Kritikers Anatolij Sharansky entledigte. Ob das gegen „bare Münze“ erledigt wurde oder ob man auf der Grundlage eines Gentleman-Agreements handelte, keine Ahnung und den Betroffenen war es sicher auch reichlich egal. Die „Brücke der Einheit“ hat heute wieder die Bestimmung Potsdam und Berlin zu verbinden und ich erinnere mich noch heute daran wie in den Tagen der Wiederzusammenführung der beiden deutschen Staaten zu einem einigen Staat noch immer ein letzter sowjetischer Soldat auf der „Brücke der Einheit“ platziert war. Der Autoverkehr brauste an ihm - dem letzten Symbol der Viermächte-Verantwortung für Gesamtdeutschland - vorbei bis er eines Tages dann verschwunden war. Normalität kehrte auf der Brücke ein.

Auch ich hebe mich jetzt als „Austauscher“ versucht. Nicht daß ich zwischenzeitlich einen Zweitarbeitgeber habe und irgendwelchen „Schlapphüten“ auch immer zu Diensten bin, dieser Austausch hatte einen ganz anderen Grund, nämlich : Die „Barsetka“ - so heißt die „Herrenhandtasche“ in Rußland.

Vielleicht kann sich der eine oder andere noch an die Herrentäschen erinnern, mit denen sich vorzugsweise die Neubundesbürger seinerzeit ausstaffierten. Die Mode war kurz und die Herrenhandtasche verschwand bald in der Versenkung. In Rußland, in dem Land in dem man(n) eine große Anzahl an Papieren mit sich führt, feiert sie aber weiterhin fröhliche Urstände.

Barsetka - die russische Variante der Herrenhandtasche

Allerdings mutiert die Tasche im Moment weg von der „Hand“-Tasche zur „Gürtel“- oder „Schulter“-Tasche. Kurz gesagt, ich habe auch so ein Ding. Wenn ich es auch nicht allzu cool finde, so erspart sie mir aber meine Jackentaschen so auszubeulen daß ich wie ein Känguru in der Taiga aussehe. Pass, Kfz-Papiere, Visitenkarten, sonstige wichtige Papiere, das kleine Handy und die Digitalkamera, all das hat Platz in der kleinen Tasche. Neben den strittigen modischen Fragen hat die Tasche sicher auch ihr Gutes. Mit einem Griff kann man alle wesentlichen Papiere greifen wenn man auf die Straße geht. Oder man kann, und das ist weniger positiv, mit einem Schlag alle Papiere auch verlieren, so wie ich das gemacht habe.
Im Supermarkt die Tasche kurz abgestellt, sich umgedreht, die Tasche vergessen und ... man ist beim Hauptmann von Köpenick gelandet. Der hatte seinerzeit ja auch keine Papiere. Und deshalb griff er zum Verzweiflungsmittel und ließ das Rathaus Köpenick in der Hoffnung besetzen, sich hier einen Pass beschaffen zu können. Also ich war meine Papiere, d.h. Führerschein - zum dem vielleicht demnächst - und Kfz-Schein und die Digitalkamera erst mal los. Die Geldbörse hatte ich der Tasche nicht anvertraut - zum Glück.
Was macht man ohne Papiere in Rußland? Mein Rat: Erst mal die Ruhe bewahren. Der Verlust ist zwar ärgerlich, führt aber nicht mehr unbedingt dazu daß man nach Magadan oder auf die Solovietsky-Inseln verbracht wird. Ein Anruf bei der Botschaft bringt Licht in die Sache. Wie ist also vorzugehen:

1. Verlustanzeige bei der Miliz

2. Mit dieser Verlustanzeige zur Botschaft. Die fertigt ein besonderes Ausreisepapier aus mittels dessen man das Land verlassen kann, Kosten 750 Rubel und zwei Passbilder sind mitzubringen. Und in diesem Zusammenhang gleich der Hinweis, Handys, MP3-Player und sonstige elektronische Gadgets dürfen NICHT in das Gebäude der Konsularabteilung der Botschaft mitgenommen werden, aber das nur ganz am Rande.

3. Hat man ein Mehrfachvisum in dem verloren gegangenen Pass, dann kann man versuchen dieses Visum in den neuen Pass übertragen zu lassen. Ob das gelingt hängt von der Botschaft im Heimatland ab.

Soweit das Offizielle. Hier nun die inoffizielle Verhaltensvariante, die manchmal erfolgreich sein kann:

1. Man gehe zum örtlichen Fernsehsender.

2. Dort schalte man eine Laufschriftanzeige die man in den Abendstunden zur besten Sendezeit am besten 2 - 3 Tage hinter einander laufen läßt. Kosten? Ca. 2.000.- Rubel (= 65,00 Euro). In dieser Anzeige bittet man den oder die Finder die Tasche gegen Belohnung abzugeben. Man fügt noch eine Telefonnummer hinzu und dann heißt es:

3. Warten... Vielleicht meldet sich ja jemand. Da hierzulande jeder gern etwas verdient kann man sicher sein den einen oder anderen Anruf zu bekommen. Dann fragt man am besten nach einer wesentlichen Kleinigkeit die nur der Finder wissen kann und auf diese Weise filtert man zugleich „Trittbrettfahrer“ aus. Und dann kommt es zum:


A U S T A U S C H.

Nebelfetzen wabern über die nur spärlich mit einer blaßblaugrauen Lampe erleuchteten Hafenkai ... Na ja, ganz so dramatisch ist es ist. Mein Anrufer will sich nicht namentlich vorstellen. Er habe die Kontaktdaten in dem Supermarkt erfahren in dem mein Täschen sich verabschiedet hat. Nun wolle er die Tasche zurückgeben Wie denn die Sache mit dem Finderlohn so sei? Er bietet 6.000 Rubel als „Einstiegssumme“ an. Unter Berücksichtigung aller erdenklichen Schwierigkeiten und eines eventuellen Deutschlandbesuchs keine schlechte Summe.

Unser Mann aus Pullach ... oder war er aus Moskau?

Ich bleibe recht einsilbig und nicht allzu freundlich, das würde nur die Summe in die Höhe treiben. Ich biete 5.000 Rubel. Wir einigen uns auf die 5.000 Rubel. Unter einer Reklametafel gegenüber dem Supermarkt treffen sich die Austauschwilligen. Der eine will sehen ob man das Geld dabei hat, die andere Partei will sehen ob die Handtasche tatsächlich da ist und auch noch alles Wesentliche enthält (Die Digikamera zählt nicht zum Wesentlichen weil ersetzbar). Am besten geht man zu zweit zu solch einem Treffen. Mein Gegenüber zeigt auf einen Busch in dem sich eine Plastiktüte befindet und darin die Barsetka. Schnell wird der Inhalt der Tasche geprüft. Alles da, die Kamera ist weg weil mein Gegenüber die Kamera vor seiner Tür gefunden habe, wie er mir versichert. Ich verschmerze es. Das Fehlen des Führerscheins ist schon ernsterer Natur. Dafür ist der Pass und der Kfz-Schein da, Gott sei Dank. Schneller Austausch, fast wie im richtigen Agentenfilm. Ich habe wieder etwas gelernt und erinnere mich. Was hat meine ehemalige Sekretärin gesagt ? „Papiere und alles Wesentliche immer am Mann tragen.“ Ok, ich werde wieder zum Känguru.

Was ist sonst noch passiert in der letzten Zeit? Ein erstaunliches „Sterben“ von Elektronik hat in meiner Umgebung Einzug gehalten. Erst geht mein all über all geliebter iPod den Gang alles Irdischen als jemand aus der Familie ihn erst vom Tisch fegt um anschließend darauf zu treten. Dann verabschiedet sich mein rechtes Super-Duper-Xenon-Licht am Auto. M.a.W. die elektronische Variante vom Friedhof der Kuscheltiere hält Einzug rund um mich.

Nu ist er putt, der iPod

Zum Abschluß:

Viktor Zubkov, der Leiter des russischen Komitees für finanzielles Monitoring das im Range eines Ministeriums finanzielle Transaktionen prüft in der Hoffnung Schwarzgeld zu finden oder die finanziellen Quellen der Terrorismusfinanzierung auszutrocknen, ist vom russischen Präsidenten Putin heute als Nachfolger des scheidenden Premierministers Fradkov vorgeschlagen worden. Zubkov kommt aus der Leningrader Riege aus der auch der Präsident stammt. Das russische Parlament, die Staatsduma, wird am Freitag zu einer Sitzung zusammentreten um die Nachfolgefrage zu beraten.

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